Dornröschen

DORNRÖSCHEN
    
Das Gewitter war vorübergezogen,
die Abendsonne hatte sich schon hinter dem Planetarium
verkrochen. Ich schlenderte
durch den dampfenden duftenden Rosengarten.
    
Eine eben aufgeblühte pfirsich-
rotgoldene Rose stach mir ins Auge.
Ich beugte mich über sie, sog ihren Duft ein.
Diese Rose will ich meinem Dornröschen schenken!
Mit bloßen Händen versuchte ich, sie zu rauben,
und holte mir zwei blutige Daumen.
Ich ging in die Knie, sammelte meine schwachen Kräfte
und spürte, es ist leichter,
mir die Knochen als eine keusche Rose zu brechen.
Herzüberkopf fiel ich unter die Dornen.
Meinem himmlischen Nothelfer sei Dank:
Meine Brille hat mich geschützt.
Ich hatte keinen Splitter im Auge.
Aber ich hatte eine zerkratzte Stirn.
Mühsam richtete ich mich wieder auf:
Mit der gebrochenen Rose in der Hand,
mit blutender Stirn und im Kopf den Spruch:
es gibt keine Rose ohne Dornen.
Es gibt kein dornenloses Rosenglück.
Die schönsten Rosen haben die stärksten Dornen,
Sie gehen unter die Haut,
sie stechen ins Herz.
    
Mit verwischten Tränen unter den Augen,
mit verbundenen Daumen
und mit klammem Herzen klopfte ich
am andren Morgen an Dornröschens Tür.
Um Gottes Willen, rief sie, was ist passiert?
Bist du unter die Räder gekommen?
Nein, ich bin unter die Dornen gefallen!
Ich sank vor ihr in die Knie
und reichte ihr die Rose, die ihr
wie aus dem Gesicht geschnitten war.
Mein Dornröschen lachte Tränen,
sie badete meine Hände in Rosenwasser,
und sie zupfte mit ihrer Pinzette behutsam
die Dornensplitter aus meinen Daumen,
aus meinen Stirnfalten
und aus meinem verwundetem Herzen.
   
PETER SCHÜTT

"Geschichte" in der Wochenzeitung "DIE ZEIT"

In der Wochenzeitung "DIE ZEIT" vom 25.6.2020 steht auf der Seite 15, "Geschichte",  eine Erinnerung von Petrer Schütt an seine Beteiligung am Sturz des Kolonialdenkmals Im Garten der Hamburger Universität am 8.8.1967.

 

"Der Anschlag auf das Kolonialdenkmal im Garten der Hamburger Universität war nicht von langer Hand geplant. Für mich war es eher ein spontaner und persönlicher Racheakt...." mehr in  "DIE ZEIT"    hier klicken

Über Berthold Brecht im Dreigroschenheft

Wer wie ich ein Brecht-Fan ist, der kann ebenfalls übers Internet im Zentralorgan der Brechtgemeinde, dem "Dreigroschenheft", Heft 3/2020, auf den Seiten 39ff drei anekdotische und humorvolle Beiträge von mir nachlesen, die von meiner Verehrung für meinen literarischen Lehrer und Meister Zeugnis ablegen. 

Download Dreigroschenhefte hier klicken

Solidaritätsgedicht von Peter Schütt:

Peter Schütt hat in seiner 1979 erschienenen literarischen Reportage "Die Muttermilchpumpe" als erster deutscher Autor die Rassendiskrimierung in den USA dargestellt. In seiner Streitschrift "Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan", 1981 veröffentlicht, beobachtet er den Alltagsrassismus in Deutschland.


Waschhauslesungen

Liebe Freundinnen und Freunde des Waschhauses:
es tut mir leid, und ich vermisse Euch. Ich bin verärgert, und ich denke, Ihr könnt meinen Ärger verstehen. Ich habeheute noch einmal beim "Projekt Wesselyring", dem das Waschhaus offiziell als Jugendtreff untersteht,  nachgehakt und die Nachricht erhalten, dass vorerst keine Lesungen möglich sind. Möglicherweise sollen sie erst dann wieder erlaubt werden, wenn ein Impfstoff zur Verfügung steht. Das kann dauern. Ich werde diesen Bescheid aber nicht widerstandslos hinnehmen, sondern mich in der nächste Woche an das Bezirksamt wenden. Ich werde Euch auf dem Laufenden halten.
Bleibt gesund und seid herzlich gegrüßt von 
Eurem Waschhausmeister
Peter Schütt