Seine Stimme findet wieder Gehör

 

Ich bin überzeugt, dass sie Corona-Pandemie, sobald sie überwunden ist, eine heilsame Wirkung entfalten und die Menschen auf der ganzen Welt zur Einkehr und zur Umkehr bewegen wird. Die Natur, an der wir uns sträflich versündigt haben, schlägt zurück und zeigt uns unsere Grenzen auf. Die Mächtigen dieser Welt, die im Größenwahn lebten, alles im Griff zu haben, sind nicht so allmächtig, wie sie und wir geglaubt haben. Es gibt jenseits unserer globalen Scheinwelt eine höhere Macht, und auf diese metaphysische Instanz werden wir uns zu-rückbesinnen – zu unserem eigenem Segen. Die so oft für tot erklärten Religio-nen werden zurückkehren und uns Menschen ins Gewissen reden. Gott meldet sich auf der Weltbühne zurück. Seine Stimme findet wieder Gehör (Peter Schütt, Schriftsteller, Hamburg).

Stimmen deutscher Muslime zur Corona-Epedemie

 

(gesammelt von Peter Schütt) 

 

Die Reinheitsgebote des Islam sollten in diesen Tagen mit besonderer Sorgfalt beachtet werden. Sie schützen auch die Gesundheit der Gläubigen. Sie sind sehr gut mit den Verhaltensregeln vereinbar, die von den deutschen Behörden verordnet werden. Es ist Pflicht aller Muslime, den Vorschriften der staatlichen Institutionen Folge zu leisten. (Dr. Mohammad Hadi Mottafeh, Leiter des Islamischen Zentrums in Hamburg) 

 

Gott verspricht im Vers 42 der 16. Sure „denen, die in Geduld standhaft sind und auf ihren Herrn vertrauen“, seinen Bestand im Diesseits und im Jenseits. Aber das heißt in diesem Drama nicht: Gott übernimmt die Rolle des Arztes, er ersetzt kein Medikament und ist kein Medizinmann. Beten allein genügt nicht. Zum Beten gehören immer zwei: Gott, der die Gebete erhört, und der Mensch, der dazu beitragen muss, dass sein Gebet seine Wirkung erzielen kann. Gott ist kein Zauberer, er setzt auf den Menschen als seinen Partner (Dr. Mohammad Razavi Rad, Leiter des Institutes für Human- und Islamwissenschaften in Hamburg). 

 

Ende April beginnt der Ramadan. Ich nehme die wegen des Corona-Virus ver-ordnete Ruhe und Zurückgezogenheit als Zeit der inneren Einkehr. Diese Andacht nutze ich für meine Kaligraphien und meine Federzeichnungen. Ich vertraue auf die Heilkraft meiner Werke – nicht nur für mich selber, sondern für alle Kranken und Leidenden in meinem Land (Ahmed Kreusch, Schriftsteller und Künstler, Bronsfeld-Schleiden, Eifel). 

 

Ich werde selber leicht aufgeregt und unruhig. Aber in diesen angespannten Zeiten versuche ich mich an das Vorbild des Esels zu halten. Der Esel zählt zu den auserwählten Tieren, weil er die Propheten Moses, Jesus und Mohammed geduldig getragen hat. Wir sollten uns die Eselsgeduld unserer tierischen Weg-gefährten zum Beispiel nehmen. Im Ernstfall reagieren sie nicht panisch, sie halten inne und warten ab, bis sich der Sturm gelegt hat (Rashida Eikmeier, deutsch-pakistanische Netzwerkerin, Hamburg-Osdorf).

 

MAHLE, MÜHLE, MAHLE

 

MAHLE, MÜHLE, MAHLE

 

Das erste Gedicht, das ich auswendig gelernt habe, kannte ich schon Jahre, bevor ich in die Schule kam. Meine Mutter, die eine stolze Müllerstochter war, hat die magische Verse wieder und wieder wiederholt, um mich zum Einschlafen zu bringen. Sie hatte sie bei allen möglichen Gelegenheiten auf den Lippen, als wären sie Zaubersprüche und könnten Ärger und Unheil abwenden. Ich kenne sie bis heute auswendig und kann sie aus dem Stegreif niederschreiben.

 

Mahle, Mühle, mahle

 

Es geht ein goldenes Ährenfeld,

 

das geht bis an den Rand der Welt.

 

Mahle, Mühle, mahle…

 

Es stockt der Wind im weiten Land,

 

viele Mühlen stehen am Himmelsrand.

 

Mahle, Mühle, mahle…

 

Es kommt ein dunkles Abendrot,

 

viel arme Leute schrein nach Brot.

 

Mahle, Mühle, mahle…

 

Es hält die Nacht den Sturm im Schoß,

 

und morgen geht die Arbeit los.

 

Mahle, Mühle, mahle…

 

Es fegt der Wind die Felder rein,

 

es wird kein Mensch mehr Hunger schrein.

 

Mahle, Mühle, mahle…

 

Dass diese magischen Verse, deren Klang mich später an das suggestive Hare-Krishna-Hare der indischen Yogijünger erinnerten, von einem deutschem Dichter stammten und dass dieser Dichter Richard Dehmel hieß, habe ich erst während meines Studiums der Literaturwissenschaften dazu gelernt. Vorher haben meine Mutter und ich die Mühlenverse für Volksgut gehalten, Verfasser unbekannt. Mahle, Mühle, Mahle: dieses Gedicht stand auf einer großen hölzernen, von Ähren umrankten Tafel am Eingang zur Mühle. Es war in kräftiger altdeutscher Schrift geschrieben, und am unteren Rand stand in lateinischen Buchstaben: „Gestiftet von der Müllerinnung Land Wursten und Hadeln 1908.“ 1908 – das war auch das Geburtsjahr meiner Mutter. Für mich war und blieb es Mutters Gedicht. Auch in späteren Jahren hat sie ihr Dankgebet für die unerschöpfliche, ewig erneuerbare, gleichsam vom Himmel geschenkte Windkraft immer wieder fast wie ein Mantra vor sich hin gemurmelt. Auf ihrem Sterbebett gingen ihre letzten Atemzüge über in „Mahle, Mühle, mahle…“, ehe der Wind ihre Seele vom Rand dieser Welt über den Himmelsrand hinüberwehte in die wogenden Getreidefelder des Paradieses.

 

Doch die mit Ausnahme des Sonntags Werktag für Werktag mahlende Mühle forderte auch ihre Opfer, zuerst den Müller selber. Aufgrund des Mehlstaubes, den er seit seiner Kindheit eingeatmet hatte – auch sein Vater war Mühlenbesitzer – erkrankte mein Großvater mit fünfzig Jahren an schwerem Asthma und musste wenig später seine Mühle an einen nahen Verwandten zunächst verpachten und schließlich verkaufen. Aber der neue Müller hielt am alten Brauchtum fest. Zu jedem Erntedankfest am ersten Sonntag im Oktober fuhr er auf einer Schubkarre zehn Roggen-, Gerste- und Hafergarben zur Basbecker Kirche und baute daraus direkt vor dem Altar einen standfesten Hocken auf. Davor stellte er die Holztafel mit dem Mahle-Mühle-Mahle-Gedicht von Richard Dehmel. Nach dem Erntedankgottesdienst trug er alle Garben herüber zur Familiengrabstätte nahe dem Kirchturm. Dort legte er sie nieder, weil auch die Mäuse und die Vögel des Himmels ihren Anteil vom Erntesegen abbekommen sollten. Auch die Tafel mit dem Gedicht lehnte er für ein paar Tage, bis die Tiere die Getreidekörner aufgefressen hart, an einen Findlingsgrabstein. Das blieb bis 1962 der Brauch, bis in einer stürmischen Nacht die über hundert Jahre alte Holländermühle bis auf die Grundmauern niederbrannte. Auch die hölzerne Tafel mit den unsterblichen Versen von Richard Dehmel fiel den Flammen zum Opfer.

 

 

PETER SCHÜTT

 

 

 

literaturkritik.de über Peter Schütt und 1968 in der deutschen Literaturwissenschaft

 

Die feministische Literaturwissenschaftlerin Dr. Sabine Koloch hat in dem Rezensionsform "literaturkritik.de", das als ältestes seiner Art schon seit 1999 erscheint, im November 2019 eine umfangreiche Untersuchung über "1968 in der deutschen Literaturwissenschaft" vorgelegt. Darin befasst sie sich ausführlich mit meinen Beiträgen und Aktionen zum damaligem Richtungsstreit:

1968 in der deutschen Literaturwissenschaft  

Peter Schütt: Back to the Roots